Dr. Božidar Debenjak, Ordinarius für Philosophie, Laibach
Schwierigkeiten mit der slowenisch-deutschen
Versöhnung
Ein verzerrtes Gedächtnis
Seit Jahrzehnten rückt Europa näher zusammen und in den neunziger Jahren griff dieser Prozess auch auf Slowenien über. Allerdings war dieser Zusammenschluss ohne eine Versöhnung zwischen den europäischen Nationen undenkbar: zuerst mussten sich die Franzosen und Deutschen versöhnen, die in einem Dreivierteljahrhundert dreimal miteinander in Krieg geraten waren (1870, 1914, 1939). Dann folgten auch andere nach; als auch die Trennlinie des kalten Krieges verschwunden war, wurde auch die polnisch-deutsche und tschechisch-deutsche Versöhnung möglich. Formell hat eine Versöhnung auch zwischen uns und den Besatzungsmächten aus dem 2. Weltkrieg stattgefunden. Allerdings hing der Grad der Versöhnung auch von Entwicklungsbesonderhiten in diesen Staaten ab (z.B. die italienische Widerstandsbewegnung, die Einbeziehung von Ungarn in ein ähnliches gesellschaftliches Modell und der Aufstand von 1956, der österreichische Staatsvertrag und die Zweiteilung Deutschlands). Auf die Einstellung zu Italien und Ungarn wirkte sich auch die Tatsche aus, dass es sich um Mutterländer zweier in Slowenien verfassungsmäßig anerkannter Volksgruppen handelt, und dass es in diesen beiden Staaten slowenische Minderheiten gibt Keines der drei Nachbarländer mit einer anerkannter slowenischen Minderheit hat immer vorbildlich gehandelt; doch das Mutterland der Slowenen (früher das Föderative Jugoslawien, heute das selbstständige Slowenien) reagierte auf unangebrachte Vorgehensweisen nicht allen gegenüber gleich: Italien und Ungarn hatten einen Nachlass. Es musste auch sehr viel Zeit vergehen, bis Slowenien als Staat anerkannte, dass es in Slowenien Reste der deutschsprachigen Minderheit gibt. Schon allein die Tatsache, dass der Staat ein Gutachten über eine lebende Volksgruppe bei den Historikern bestellt hat, belegt, dass ein Problem des Selbstverständnisses vorliegt, das eben in der Geschichte verwurzelt ist. Und vor dem Besuch von Kanzler Schröder brachen die verborgenen deutschfeindlichen Emotionen an den Tag.
Der europäische Zusammenschluss stellt allen Nationen die Aufgabe, den eigenen
Schrank mit der geschichtlichen Erinnerung aufzuräumen, sie müssen folglich
ihre eigene Geschichte neu sichten und daraus alles tilgen, was nicht ganz stichfest
sondern nur Mythologie ist, wie unsere Vorfahren sie in ihren Kämpfen miteinander
benötigten. Serbien unter Miloševiæ dürfte als abschreckendes Beispiel reichen;
dort wurde mit den Reliquien von Fürst Lazar und dem Kosovo-Mythos der ganze
Raum des dahingegangenen Jugoslawiens in eine Serie von Kriegen gestürzt. Auch
die Tudjmansche Anlehnung an die alte kroatische Mythologie hat weder den Kroaten
noch allen anderen etwas gutes gebracht.
Im slowenischen Schrank mit der historischen Erinnerung sind in erster
Linie zwei Hindernisse für eine intime Versöhnung mit dem deutschen Volk zu
finden; beides Fälle einer einseitigen Verallgemeinerung Zunächst gibt es die
These, die slowenische Freiheit ende mit Karantanien und beginne wieder - womit
den nun? dem 29. Oktober 1918 mit dem Staat der Slowenen, Kroaten und Serben?
oder dem 1. Dezember 1918 mit dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen
(später Königreich Jugoslawien)? am 27. April 1941 mit der Gründung der Volksbefreiungsfront?
am 29.November 1943 mit der 2.Tagung des AVNOJ? am 23. Dezember 1990 mit dem
Volksentscheid? am 25.J uni 1991 mit der Erklärung der Selbstständigkeit? Die
Zeit zwischen dem Untergang von Karantanien und einem dieser Tage gilt als Zeit
der fremden Oberherrschaft und zwar in den Jahrhunderten bis 1918 der Deutschen,
das heißt zunächst der deutschen Feudalherren und dann des deutschen Bürgertums
und seines Staates. In dieserer Form ging die Teilung der Völker in "historische"
und "nichthistorische", die vom Bürgertum der Staatsnationen den Vertretern
kleiner Völker dauernd vorgehalten wurde, in das slowenische Bewusstsein ein.
Die untergeordnete Stellung der letzteren im 19. Jahrhundert wurde damit in
jene geschichtlichen Abschnitte zurückprojiziert, für die sie einfach keine
Geltung hat. Für einen Feudalherren war nicht die Frage vorrangig, wo seine
Familie herstammte, sondern in welchem Land er ansässig war. Wie sonst hätte
sich Sigismundus vo Herberstein aus Vipava/Wippach in seiner Russlandbeschreibung
rühmen können, seine "slawische Muttersprach", um deretwegen ihn seine
eigene Sprache betrachtet hätte? Für Laibacher Adelsdamen, die in der Antireformationszeit
in den Klarissenorden eintraten, musste das Ordensgelübde in slowenischer Sprache
geschrieben werden, weil sie weder Deutsch noch Latein sprachen. So viel zum
deutschen Charakter des Adelsstandes in älteren Zeiten. Ähnliches gilt auch
für die Bürger: Kaufleute aus dem mittelalterlichen Krain, die eigene Handelskolonien
in italienischen Städten gründeten, sind dort mit der slowenischen Namens- und
Ortsnamensform registriert (z.B. de Loca und nicht de Laak). Erst mit dem Ende
des 18. Jahrhunderts neigt sich die Waage allmählich zugunsten der deutschen
Sprache und die - sowohl die deutsche als auch die slowenische - nationale Ideologie
beginnt mit unterschiedlichem Vorzeichen zu betonen, das Slowenische sei eine
Sprache der unteren Schichten. Das Bild des "Knechtvolkes" hatte zwar
eine nützliche Mobilisierungsaufgabe, doch entsprach es für ältere Zeitabschnitte
dem Sachverhalt keineswegs und für die eigene Zeit war es polemisch zurechtgestutzt.
Dasselbe gilt für die konservative Vorstellung vom "Bauernvolk", der
bereits Prešeren in seiner "Nova pisarija" entgegentrat.
Trotzdem, dass deutscher Nationalismus des 19. Jahrhunderts in verschiedener
Weise auch in der Tat Druck auf die Slowenen ausgeübt hat, manchmal auch durch
systematische Assimilation und um die Jahrhunderttwende seinen Höhepunkt erreicht
hat, war die Konstruktion der Deutschen als "Erbfeind" während der
gesamten slowenischen Geschichte doch nur Ideologie und Mythos. Die Abwehr gegen
Assimilationsdruck war zweifelsohne berechtigt: doch gilt es beim heutigen Aufräumen
den Mythos azbuschütteln, dass die gesamte Geschichte der gegenseitigen Beziehungen
mit den Deutschen ein einziger "Kampf von Germanentum und Slawentum"
gewesen sei, wie der Titel eines der polemischen Büchlein lautete. Das Ärgste
dabei war, dass unsere Vorfahren seligen Gedenkens für das Idol des "Slawentums"
kämpften - sie fühlten sich verpflichtet, die "slawenischen" und nicht
die slowenischen ethnischen Grenzen vor den Germanen und Romanen zu verteidigen,
an der Grenze mit "anderen Slawen" sahen sie dagegen seelenruhig zu
, wie die Habsburger Teile von Krain abspalteten und anderen eigenen Kronländern
anschlossen; die dermaßen abgetrennten Teile wurden aus dem nationalen Programm
einfach gestrichen - denn das "Slawentum" war dadurch nicht gefährdet.
Die Fixation auf den "deutschen Erbfeind" ließ auch die nötige Sorgfalt
für die Grenze im Westen beim Ende des 1. Welkrieges vergessen. Nein, bis zum
19. Jahrhundert hat es einen "deutschen Erbfeind" mit Sicherheit nicht
gegeben. Aber er kam vielen wie gerufen: auch einige einflussreiche kalholische
Theologen und Laiker haben schon behauptet, wenn die slowenische Reformation
die Oberhand behalten hätte, würde es die Slowenen nicht geben, sie hätten sich
germanisiert. Es trifft zwar zu, dass die Reformation aus Deutschland und der
Schweiz zu uns gekommen ist, doch rührt von dort auch die Forderung nach der
Schriftsprache als Grundlage für den Glauben und es ist besser, sich in die
Zunge zu beißen, um nicht rundheraus zu sagen, was man von der These denken
soll, die Nation sei durch die jenigen gefährdet worden, die ihr die Schriftsprache
gegeben haben, und dass die jenigen ihre Retter gewesen seien, die ganze Scheiterhaufen
slowenischer Bücher verbrannt haben.
Die zweite einseitige Vorstellung, die eine intime Versöhnung mit den Deutschen behindert, ist die These, die Deutschen würden eine Kollektivschuld für den Nationalsozialismus und alle seine Greuel tragen, die Ausnahmen von dieser Regel könne man auf den Fingern abzählen. Solche Behauptungen kann man sogar von Historikern zu hören bekommen. Und doch ist es angebracht, sich in die Erinnerung zu rufen, wie der Nationalsozialismus in Deutschland überhaupt an die Macht gekommen ist und wie die nationalsozialistischen Machthaber zuerst die Deutschen behandelten und dann noch einiges über den Widerstand. Dabei gilt es noch zu bedenken , dass wir selbst inzwischen von der Idee der Kollektivschuld Abstand genommen und die Erkenntnis akzeptiert haben, auf der auch die Prozesse von Nürnberg basierten - dass die Schuld immer individuell ist.
Darüber, wie die Weimarer Republik vor dem Nationalsozialismus in die Knie gegangen
ist, braucht man nicht mehr zu rätseln. Die Väter der Weimarer Verfassung gaben
dem Staatspräsidenten zu viel Macht, haben dem Parlament die Stürzung der Regierung
allzu leicht gemacht, so dass die Ausschreibung von vorgezogenen Wahlen ein
zusältzlicher Machtfaktor des Präsidenten war. Im Augenblick einer Krise ermöglichte
dieser Verfassungsfehler eine Serie von Intrigen, die mit der nationalsozialistischen
Machtergreifung endete. Aufgrund dieser schrecklichen Erfahrung haben die Väter
der heutigen deutschen Verfassungsordnung alle Verfassungssicherungen eingebaut,
die damals die Vorgänge verhindert haben könnten; auch die Verfassung der Republik
Slowenien lehnt sich in mancher Hinsicht an diese deutsche Erfahrung an.
Der Weg in die Krise begann mit der Niederlage m 1.Weltkrieg: in der Revolution vom November 1918 sah die Rechte einen „Dolchstoß" in den Rücken der Armee an der Front, die Linke kam wie gerufen als Sündenbock für die Niederlage. Die außer Kontrolle geratenen Militärs haben zwischen Januar und März 1919 eine Reihe der Führer der Linken ermordet, angefangen bei Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (am 15. Januar). Doch drohte der gewaltsame Tod nicht nur Linken: im Jahre 1922 wurde der Abgeordnete der katholischen Zentrumspartei Erzberger ermordet, in einem Attentat starb der Außenminister Walther Rathenau, Zielscheiben waren noch Scheidemann (SPD), Thälmann (KPD), Harden (Journalist). Der Naziputsch von München blieb 1923 erfolglos.
Das ganze Land steckte fast ständig in einer schweren Wirtschaftskrise, teils wegen des verlorenen Krieges, teils wegen der von den Siegern geforderten Reparationen, zuletzt schlug auch die Weltwirtschaftskrise von 1929 mit aller Wucht zu. Der Druck der Siegermächte gab dem radikalen Nationalsozialismus auftrieb, insbesondere die französische Besetzung des Ruhrgebietes im Jahre 1923.
Durch den Weltkrieg war die Linke in drei Teile zerfallen: die Kommunisten, die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) und die mehrheitlichen Sozialdemokraten ((M)SPD). Mit einem fatalen Eingriff der Komintern wurde 1921/22 in ganz Europa die Spaltung der USPD und verwandter Parteien erzwungen. In Italien und Frankreich spalteten sich von den Sozialisten die Kommunisten ab, die deutsche USPD spaltete sich: ihre Linke schloss sich mit den Kommunisten zusammen und die „Rechte" mit den Sozialdemokraten. Allerdings hatte kaum irgendwo die Politik der Komintern so fatale Folgen wie in Deutschland: die beiden Arbeiterparteien kämpften ständig miteinander, die eine wie die andere sah in der rivalisierenden Partei einen wichtigeren Gegner als im Nationalsozialismus Stalin steuerte die berühmte, unheimliche These bei, der Faschismus und die Sozialdemokratie seien „Zwillinge - die rechte und die linke Hand de Monopolkapitals". Diese grauenhafte These wurde im 6. Kongress der Komintern als offizieller Standpunkt bestätigt. Und wenn jemand für ein Bündnis der beiden Arbeiterparteien eintrat, war er in der KP unerwünscht. Die Sozialdemokratie blieb der Komintern nichts schuldig und schlug mit der These von den beiden Totalitarismen zurück. Die Spaltung reichte auch in die Gewerkschaften hinein.
Aus Moskau kam noch ein Hieb: die Sieger hatten den Deutschen schwere Bewaffnung verboten, die Reichswehr wurde auf 100.000 Mann, mit leichten Waffen ausgestattet, beschränkt. Doch bot Moskau bereits 1925 die eigenen militärischen Übungsgelände zur Entwicklung von Flugzeugen, Kanonen und Panzern an, was die deutsche Seite freudig akzeptierte. Es kam zu einem Skandal, als der Pazifist C. von Ossietzky das publik machte. Allerdings hat die Enthüllung die Zusammenarbeit nicht zum Erliegen gebracht die Zusammenarbeit mit den ärgsten Feinden der Linken in Deutschland - den Militaristen - wurde fortgesetzt und das deutsche Militariat konnte alle Verbote umgehen.
Schon vor dem Zusammenbruch der Newyorker Börse (am 25. Oktober 1929) wurde Deutschland von schweren wirtschaftlichen Krämpfen gebeutelt, was auch im Versammlungsverbot (Dezember 1928) und in der Niederschlagung der verbotenen Demonstrationen zum 1. Mai 1929 zum Ausdruck kam (200.000 Teilnehmer, unter Polizeischüssen starben 91 Teilnehmer, festgenommen wurden 1200). Am 27. März 1930 zerfiel die Koalition der SPD mit der Volkspartei, damit fiel auch die letzte Regierung (Kanzler Müller), die noch mit parlamentarischen Mitteln regierte. Es folgten vier „Präsidialkabinette" - Regierungen, die mit Sondervollmachten regierten. Die erste war die von Brüning aus der Volkspartei. Er versuchte mit Sondervollmachten die Krise im Lande zu meistern und arbeitete auch ein Arbeitsbeschaffungsprogramm aus. Da sich der Großteil des Parlaments gegen ihn wandte, wurden am 14. September Neuwahlen ausgeschrieben; die stärkste Partei waren noch immer die Sozialdemokraten, doch war die Zahl der NSDAP-Wähler von 800.000 auf 6,4 Millionen angestiegen, Brüning war noch immer Kanzler. Von Präsident Hindenburg wurden auch Hitler und Göring zu einem Informationsgespräch empfangen, und zur gleichen Zeit nahm General Schleicher vom Verteidigungsministerium Verhandlungen mit Hitler auf. Im Oktober kam es zu einer Verbindung von NSDAP, dem rechten Pressemagnaten Hugenberg, dem paramilitärischen Stahlhelm und der Veteranenorganisation unter der Leitung von General Seeckt.
Die Zahl der Arbeitslosen war im Januar 1932 schon aufüber sechs Millionen angestiegen. Hitler sprach vor Industriellen. Ende Februar fanden Präsidentschaftswahlen statt. Die SPD unterstützte wieder die Kandidatur von Hindenburg, dessen stärkster Gegenkandidat Hitler war (Ergebnis: Hindenburg 19,3 mio Stimmen, Hitler 13,4 mio, Thälmann 3,7). Nach der Wahl entzog Hindenburg Brüning seine Unterstützung und Franz von Papen wurde Kanzler. Mit einem Staatsstreich setzte dieser die sozialdemokratische Regierung in Preußen ab: als die Sozialdemokraten mit ihrer Klage von Gericht Recht bekamen, war es zu spät. Am 31. Juli 1932 gab es wieder Wahlen, die stärkste Partei war die NSDAP (230 Mandate). Im Dezember stellte General von Schleicher eine Regierung auf, doch vereinbarte bereits Anfang Januar von Papen eine Koalition mit Hitler unter dessen Führung. Am 30. Januar ernannte Hindenburg Hitler zum Kanzler. Es folgten Antinazidemonstrationen und Protestaktionen, mancherorts auch Streiks. Am 1. Februar wurde das Parlament aufgelöst, für den 5. März wurden Neuwahlen ausgeschrieben.
Als Polizeichef in Preußen verbot Göring alle kommunistischen Kundgebungen im Freien. Am 27. Februar erfolgte der Reichstagsbrand, am 28. Februar setzte Hindenburg die verfassungsmäßig garantierten Grundrechte außer Kraft, auf Auflehnung gegen den Staat stand die Todesstrafe. Die ersten Festnahmen in der Nacht zum 28. Februar erfassten 40.000 Kommunisten, Sozialdemokraten und „verdächtige" Personen. Doch auch mit der Verweisung von 82 kommunistischen Abgeordneten aus dem Parlament gab es noch immer keine mit der Verfassung vorgeschriebene Mehrheit für die Beschließung von Sondervollmachten für die Regierung. Erst als 73 Stimmen der Zentrumspartei gesichert waren, blieben die Sozialdemokraten die einzige Partei, die bei der Abstimmung dagegen war. Als die Abgeordneten der Zentrumspartei feststellten, dass sie betrogen worden waren, wurde ihre Forderung nach der Wiederholung der Abstimmung nicht erhört. Bis zum Untergang des Dritten Reiches im Mai 1945 agierten die Nationalsozialisten aufgrund dieser vollmacht, die besagte, dass Regierungsdekrete Gesetzesmacht haben, auch im Falle, dass sie von Verfassungsbestimmungen abweichen.
Der in der Nacht zum 28. Februar beginnende Terror über andersdenkende Deutsche erlangte mit der Einrichtung des Konzentrationslagers Dachau (öffentlich erstmals am 22. März 1933 erwähnt) systematische Form; bis Ende 1933 gab es bereits über 100 solche Lager, mit rund 150.000 Häftlingen. Die Gesamtzahl der im Jahre 1933 von Quälereien betroffen Personen war gut über doppelt so hoch. Am 7. April wurden Juden und politisch „Nichtzuverlässige" aus dem Staatsdienst entfernt (am 15. September 1935 wurden den Juden mit den Nürenberger Gesetzen auch alle Staatsbürgerrechte aberkannt). Am 26. April 1934 wurde die Gestapo gegründet, im Mai besetzte die SA die Sitze der Gewerkschaften und nahm die Funktionäre fest. Am 10. Mai fanden Bücherverbrennungen statt, es wurden öffentliche und private Bibliotheken „gesäubert", am 21. Juni wurden hunderte Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter festgenommen und gefoltert, über 90 zu Tode. Am nächsten Tag wurde die SPD verboten , bis zum 14. Juli haben die Führer aller anderer Parteien ihre Parteien aufgelöst, die Gründung von neuen Parteien wurde gesetzlich verboten. Ermordungen politischer Gegner gingen auch 1934 weiter (der im Februar festgenommenen KPD - Führer, am 30. Juni anlässlich des Röhmputsches noch vieler anderen). Am 24. April 1934 wurde der „Volksgerichtshof" eingerichtet, ein politischer Gerichtshof für Staatsterror. Im Jahre 1937 fand eine Reihe politischer Prozesse statt, systematisch wurde die „Vorbeugehaft" und die „planmäßige Aufsicht" über potentielle Gegner eingeführt, eingerichtet wurde auch das Konzentrationslager Buchenwald. Im Jahre 1938 gab es darin bereits knapp 20.000 Häftlinge, in den Jahren 1937/38 starben 819, im Jahre 1939 schon 1235. Dachau hatte damals 18.000 Häftlinge, Flossenburg 1800, Mauthausen 1010. In der Rechtssprechung wurde die mittelalterliche Form der Todesstrafe eingeführt - die Hinrichung durch das Beil. Im Jahre 1939 wurde noch das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingerichtet. In demselben Jahr wurden in politischen Prozessen 162.734 deutsche Bürger angeklagt ausserdem gab es 112.432 politisch Verurteilte in Konzentrationslagern, Kerkam eine Gruppe aus Innichen (Südtirol in Italien) im Rahmen eines längeren Aufenthaltres in Slowenien zu Besuch, unter der Leitung von Herrn Brugger kern und Haftanstalten.
Die Nazis wollten der evangelischen Kirche einen „Reichbischof" aufzwingen, deswegen rief die „Bekennende Kirche" den „kirchlichen Notstand" aus; viele Priester und Gläubige der Bekennenden Kirche wurden verfolgt, viele sind in Konzentrationslagern gestorben. Über 100 prominente Protestanten fielen einer brutalen Repression zum Opfer - sie erlebten ein ähnliches Schicksal wie Pastor Niemöller: sieben Monate schwerer Kerker und anschließend das Konzentrationslager Sachsenhausen . Allerdings bilden prominente Persönlichkeiten immer nur die Spitze eines Eisbergs. Auch die katholische Kirche wurde aufs Visier genommen; ein Teil arrangierte sich mit den Nationalsozialisten, hier sei nur an Kardinal Faulhaber erinnert, andere füllten Strafanstalten und die „Priesterbaracken" in Dachau.
Die deutsche Linke organisierte - eben gemäß ihrer politischen Gespaltenheit - sieben parallele Untergrundnetze, der Gestapo gelang es erst 1937, diese Netze zu zerschlagen. Interessantes schreibt darüber W. Abendroth, der auch in Slowenien bekannte Verfasser der Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung. Beide großen Parteien erneuerten ihre zerstörten illegalen Netze, es gelang, sie bis zur Befreiung vom Nationalsozialismus auf recht zu erhalten. Vom Terror über die Linke zeugt auch der Prozess von Anfang 1937 gegen 23 Aktivisten mit drei Todesurteilen und 160 Jahren schweren Kerkers. Im Jahre 1938 wurde die erste Frau mit dem Beil enthauptet (die Kommunistin Liselotte Hermann). In den Jahren 1940-44 war die kommunistische Gruppe Saefkow-Jacob-Bästlein aktiv, die im Jahre 1944 mit den Sozialdemokraten und Oberst Stauffenberg zusammenarbeitete. Anfang Juli 1944 wurden rund 1000 Personen festgenommen und viele darauf im Herbst hingerichtet.
Sieben Jahre (1935-1942) konnte das Widerstandsnetz unter der Leitung von Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack in Staatsapparat, Wirtschaft und Armee wirken. Seine über 600 Mitglieder wurden im August 1942 festgenommen, über 50 hingerichtet. In der zweiten Hälfte 1941 erfassten Massenfestnahmen 70.845 deutsche Andersdenkende. Im Jahre 1942 wurden etwa 200 Mitglieder der Organisation Uhrig-Budeus-Römer festgenommen, davon wurden 52 ermordet. Hingerichtet wurden auch 28 Mitglieder der Jugendgruppe von Herbert Baum, weitere 50 wanderten in Haftanstalten oder wurden in Konzentrationslagern ermordet. Im Jahre 1942/43 wirkte in München die christlich orientierte Studentengruppe „Weiße Rose" (die Geschwister Scholl und andere, von den Professoren Karl Huber) - alle wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet. Am 20. Juli folgte der Versuch eines Attentats auf Hitler durch Oberst Stauffenberg. Es folgten Massenfestnahmen und 7000 Hinrichtungen.
Es gilt auch diejenigen nicht zu vergessen, die vor dem Terror aus Deutschland geflohen sind und ihren Kampf aus dem Ausland fortsetzten, viele auch in Uniform der Aliierten. Ein Sonderkapitel sind selbstredend die zahlreichen Gegner aus Reihen deutscher Juden.
Allen diesen gegenüber stand den Nazis eine gewissenhafte Menge von Beflissenen Karrieristen bei. In der Evidenz der NSDAP waren über fünf Millionen Mitglieder registriert, emsige Karrieristen, die als Mitglieder der Staatspartei die erhaltenen Direktiven gewissenhaft umsetzten. Der Prozess der geistigen Läuterung nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus verlief nicht reibungslos, denn die Zeit stand bereits im Zeichen des kalten Krieges. Das war Grund genug für die junge Generation, um ihren Vätern und Großvätern in den Jahren 1964-70 die Frage zu stellen: wo seid ihr damals gewesen? Euer Opportunismus hat den großen Erfolg der Repression erst möglich gemacht, erst danach konnte die nationalsozialistische kriminelle Energie über andere Völker hereinbrechen. Durch diese Gewissensbefragung wurde Deutschland geistig geläutert. Für den Nationalsozialismus bezahlte es mit dem Verlust von Gebieten, der Vertreibung von über 10 Millionen Deutschen, der jahrzehntelangen Zweiteilung Deutschlands in zwei zerstrittene Staaten und vielen Racheakten über Deutsche; damit musste man leben. Was konnte mehr verlangt werden? Die um das Jahr 1968 aufbegehrende Generationen regiert heute; kann man denn dieser Generation die Sünden vorwerfen, die vor ihrer Geburt oder in ihrer frühen Kinderheit verübt worden sind? Vermutlich ebenso wie der Verfasser dieser Zeilen bereit wäre, Verantwortung für die „Dachau-Prozesse" oder einen anderen Akt der Rechtlosigkeit aus den ersten Nachkriegsjahren zu übernehmen.
Die Versöhnung, von der hier die Rede ist, ist ganz einfach eine intime Feststellung, ein Geständnis, dass die vormoderne Vorstellung, die Schuld gehe auf die Kinder und die Kinderskinder über, für den heutigen Reifezustand des Bewusstseins unnehmbar ist: die Kinder und die Kinderskinder tragen nur ihre eigene Schuld, die Schuld der Vorfahren jedoch nur durch die eigene Schuld, wenn sie nämlich die Übeltaten ihrer Vorfahren verherrlichen. Könnte denn eine solche Schuld Schröder vorgeworfen werden? Für einen Versöhnung unsererseits ist es höchste Zeit.