"Iskalci Grala" von Alenka Auersperger

Besprechung

 

Beim Verlag Modrijan erschien gegen Ende 2004 das Buch "Iskalci Grala" (Gralsritter) von Alenka Auersperger mit dem Nebentitel: Versuch der Wiederbelebung der deutschen Minderheit in Slowenien. Leider handelt es sich um ein Werk, das nicht objektiv ist, sondern mit einer Tendenz verfasst wurde. Dass es sich keineswegs um eine fachliche Veröffentlichung handelt, bezeugen nicht nur die Tendenz, sondern auch der Gesamtaufbau des Buches und der Stil der Verfasserin. 

Zunächst ist der Leser durch den Titel Gralsritter überrascht. Der (heilige) Gral oder Graal sei das Gefäß gewesen, in das bei der Kreuzigung das Blut Christi aufgefangen wurde, die Geschichte geht auf mittelalterliche französische Ritterromane zurück. Was der Gral im Titel des Buches bedeuten soll, ist nicht ganz klar. Möglicherweise spielt die Verfasserin auf okkulte Riten einiger nationalsozialistischer Größen (z.B. Heinrich Himmler) an, mit denen aber unser Verein überhaupt nichts zu tun haben kann; andererseits mag die Verfasserin meinen, die deutschsprachige Minderheit in Slowenien sei eine Art Gral, also etwas, was von vielen gesucht wird, obwohl es in Wirklichkeit überhaupt nicht existiert. Außerdem beschreibt der Nebentitel: „Versuch der Wiederbelebung der deutschen Minderheit in Slowenien“ den Inhalt des Buches nur teilweise, etwa die Hälfte beschäftigt sich nämlich mit der Geschichte der Gottscheer Deutschen und insbesondere ihrer Umsiedlung im Jahre 1941 und der damit verbundenen nationalsozialistischen Propaganda. 

Das Buch ist eine Collage aus sehr unterschiedlichen Bildern, Bruchstücken und Eindrücken aus verschiedenen Zeitabschnitten, die nicht immer miteinander in Bezug stehen. Es hat eine schöne Ausstattung und ist reich mit Fotos, Farbreproduktionen von Plakaten, Kalendern und mit Urkunden-Faksimiles illustriert. Dem Stil und dem Inhalt nach handelt es sich um eine ungewöhnliche Mischung von Elementen eines populärwissenschaftlichen Buches und eines literarischen Werkes. Auf das erstere könnten die Fotos und die zahlreichen Fußnoten und Randbemerkungen hinweisen, die in einem literarischen Werk zumindest sehr ungewöhnlich wären, letzteres legen die Strukturierung des Inhaltes und die Schreibweise nahe. (Das Konzept erinnert stark an die zahlreichen Bücher über Außerirdische und UFOs). Das Buch ist sehr geschickt geschrieben und für einen unkritischen Leser auch gut lesbar. Wegen des nicht chronologisch geordneten Inhalts ist es jedoch ziemlich unübersichtlich und ein Leser, der es vor kurzem durchgelesen hat, wird Stellen, die er sich noch einmal vornehmen möchte, nur mit großer Mühe wiederfinden. Es gibt außerdem Abbildungen, die mit dem Inhalt überhaupt nichts zu tun haben, ein besonders krasses Beispiel dieser Art ist ein Farbfoto des Kärntner Landeshauptmannes Haider in Lipica mit einem Lipizzaner. 

Die Verfasserin hat sich nicht unparteiisch ans Werk gemacht, bei der Sammlung des Materials hat sie sich nur einiger Quellen und Informanten bedient, an Mitglieder des Gottscheer Altsiedler Vereins hat sie sich überhaupt nicht gewandt - Informationen über den Verein entnahm sie der Homepage des Vereins oder sie bezog sie aus zweiter Hand. Die Behauptungen von Informanten gibt sie ganz unkritisch, ohne jede Überprüfung wieder, den verlässlichsten Zeugen sieht sie in John Tschinkel aus den USA, der schon allein wegen der geographischen Entfernung keine verlässliche Informationsquelle sein kann. Den Umstand, dass er mit dem Großteil der Gottscheer in den USA und anderswo zerstritten ist, wertet sie als Zeichen seiner Objektivität. Der gesamte Ansatz spiegelt die Einstellung der Verfasserin zum Altsiedler Verein wider und verrät, dass sie schon bei der Sammlung des Materials recht gut gewusst hat, welches Urteil sie über den Verein fällen soll. Das belegt auch die Tatsache, dass sie sich völlig auf den Altsiedler-Verein konzentriert und die gute Zusammenarbeit des Vereins Freiheitsbrücke und seines Vorsitzenden Kolnik mit dem Kärntner Heimatdienst übersieht, obwohl sich das Buch auch mit den Kärntner Slowenen beschäftigt. 

Das Buch ist außerdem nicht gerade sehr konkret geschrieben; auch wenn der Leser schon die Hälfte durchgelesen hat, ist es ihm noch nicht ganz klar, was die Verfasserin eigentlich vermitteln will, klar ist jedoch eines: dass das Buch von einer Abneigung gegen alles Deutsche geprägt ist, dass die Verfasserin jede deutsche Kulturtätigkeit als "unerhört" einstuft[1]. Sie reiht Ereignisse aus verschiedenen Epochen aneinander, auch wenn es keine innere Verbindung gibt. So fehlt z.B. jeder Zusammenhang zwischen den heutigen Aktivitäten der im Jahre 1941 nicht umgesiedelten Gottscheer und ihrer Enkel und der Umsiedlung im Jahre 1941 und der damit verbundenen Nazi-Propaganda. Einen ähnlichen "Kurzschluss" gibt es bei der Erwähnung von Pommern, wenn es heißt:

" ... Im Jahre 1807 wurde das Land von den Franzosen besetzt; acht Jahre später waren sie preußische Provinz.

Den deutschen Geist brachten die Lehrer der Schulvereinsschulen mit. Es wurden Ausrufe wie Adolf Hitler ist der größte Deutsche seit Karl dem Großen gelernt. Welche Ähnlichkeit mit dem Gottscheerland."

Typisch ist der Sprung aus der Zeit der Napoleonischen Kriege in die Zeit des Dritten Reichs, wobei sie nicht erwähnt, dass Pommern bis 1945 ein Teil von Deutschland war und das den Schülern im gesamten Reich die Größe Hitlers eingebleut wurde. Die gewaltsame Umsiedlung der Pommern-Deutschen (und die genauso gewaltsame Umsiedlung der Polen aus von der Sowjetunion annektierten Gebieten in die Häuser der Deutschen) tut sie salopp mit dem unschuldigen Satz ab: "Beschlossen wurde auch die Genehmigung der Aussiedlung der vorhandenen deutschen Bevölkerung." 

Im Buch kommt wieder die "Affäre" mit der deutschen Fahne vor, obwohl es inzwischen klar ist, dass die Aufhängung der Fahne der BRD keineswegs eine Ordnungswidrigkeit gewesen ist. Die Verfasserin zitiert die einschlägigen Artikel des Gesetzes über Verstöße gegen die öffentliche Ordnung und Ruhe und zählt auf, welche Artikel im Jahre 1994 außer Kraft gesetzt worden sind, sie findet es allerdings überhaupt nicht befremdend, dass angeblich nur die Strafen aufgehoben wurden und die entsprechenden Verstöße nicht (es lag nur ein Redaktionsversehen bei der Veröffentlichung vor). Wirklich die Höhe ist dann der Satz: "Eben eine Provokation ... Oder vielleicht ein Anzeichen dafür, dass man mit dem Motto volkstreu – staatstreu an das wirkliche alte Motto der Gottscheer aus dem Jahre 1930 staatstreu – volkstreu erinnern möchte?" anlässlich der Aufhängung der Fahne der EU. (Dabei fasst die Verfasserin das Wort staatstreu ganz falsch auf - es geht um die Loyalität gegenüber dem Staat, in dem man lebt, in unserem Fall gegenüber Slowenien, bei den amerikanischen Gottscheern gegenüber den USA). Die Verfasserin hat natürlich das Recht, Anstoß an der EU und ihren Symbolen und Werten zu nehmen, es ist jedoch weniger verständlich, dass das Erscheinen dieses Buches vom slowenischen Kulturministerium gefördert worden ist.

Die Verfasserin hat auch nicht ganz klare Vorstellungen über die Verwendung der deutschen Sprache auf Grabsteinen oder im Briefkopf. So behauptet sie z. B, ein zweisprachiger Briefkopf wäre verfassungsmäßig nur bei der ungarischen und der italienischen Volksgruppe zulässig – eine große Dummheit: einerseits wird im Art. 64 der Slowenischen Verfassung, in dem die Rechte dieser beider Volksgruppen aufgezählt werden, der Briefkopf überhaupt nicht erwähnt, andererseits verwenden zahlreiche Organisationen  zwei- oder mehrsprachige Briefköpfe und viele Abgeordnete und hohe Staatsbeamte zweisprachige – slowenisch-englische – Visitenkarten, obwohl Englisch nirgendwo in Slowenien Amtssprache ist. Auch auf dem Friedhof von Ljubljana gibt es Grabsteine in verschiedenen Sprachen, z. B. in Deutsch oder Tschechisch, es gibt einen Friedhofsteil mit Gräbern der im 1. Weltkrieg gefallenen österreichisch-ungarischen Soldaten und einen von italienischen Soldaten aus dem 2. Weltkrieg mit Grabsteinen in Italienisch, wobei es allgemein bekannt ist, dass die einzige Amtssprache in Ljubljana Slowenisch ist. Natürlich genehmigen die Menschenrechtskonvention und die slowenische Verfassung jedermann die Verwendung seiner eigenen Sprache in Wort und Schrift. 

Ausgesprochen unobjektiv sind auch die Vorstellungen der Verfasserin über die Rückgabe des beschlagnahmten Vermögens. Sie erwähnt zum Beispiel nicht, dass als "feindliches Vermögen" auch das Vermögen von Staatsbürgern der Vereinigten Staaten, von denen einige damals sogar noch aktiv als GIs an der Seite der Alliierten gekämpft haben (was dem strittigen Avnoj-Dekret entsprach), beschlagnahmt wurde. Dabei vergisst sie zu erwähnen, dass ihr Informationsgeber  Kolnik, der Hauptinitiator der Rückgabe des konfiszierten Vermögens in Slowenien, in Denationalisierungsverfahren die in Österreich lebenden ehemaligen Marburger Deutschen (von denen einige auch wegen Nazi-Tätigkeit gerichtlich verurteilt worden sind) ziemlich erfolgreich vertreten hat. 

Was die Umsiedlung betrifft, weist die Verfasserin auf die Schuld der Gottscheer im Zusammenhang mit der Zwangsumsiedlung der Slowenen aus dem Gebiet an der unteren Save und an der Sotla hin, sie beschäftigt sich dabei aber überhaupt nicht mit der Frage der großen Diskrepanz zwischen der Zahl der Gottscheer und der Zahl der deportierten Slowenen, die etwa das Dreifache betrug. Auch was die Freiwilligkeit der Umsiedlung der Gottscheer betrifft, steht ihr Urteil im Vorhinein fest, sie versucht überhaupt nicht zu ermitteln, wie viele tatsächlich der Nazi-Propaganda auf den Leim gegangen sind oder sie sogar begeistert verbreitet haben, wie viele sich in ihr Schicksal gefügt haben und mit den anderen mitgegangen sind und wie viele sich der Umsiedlung mehr oder weniger entschlossen widersetzt haben. Es interessiert sie auch nicht, was die Gottscheer erlebt hätten, wenn eine größere Zahl nicht bereit gewesen wäre, umzusiedeln. Der Großteil der überlebenden nichtumgesiedelten Gottscheer blieb am Ostrand der ehemaligen Sprachinsel. Offen ist die Frage, wie die Besatzungsmacht mit den am Südrand verbleibenden Gottscheern umgesprungen wäre; möglicherweise hätten sie dasselbe Schicksal erlebt wie die Slowenen aus dem Grenzgebiet, die von der italienischen Besatzungsmacht im Konzentrationslager Rab interniert wurden, wo in menschenunwürdigen Verhältnissen etwa die Hälfte ums Leben gekommen ist[2]

Das Buch ist schon im Ansatz völlig verfehlt, denn in einem einzigen Buch können nicht die Aktivitäten der heutigen Vereine in Slowenien und das Geschehen während der Umsiedlung 1941 und davor behandelt werden. Dem würde es in etwa entsprechen, wenn jemand in einem Buch ohne entsprechenden Kommentar und Schlussfolgerungen die Aktivitäten der heutigen slowenischen Veteranenorganisation der Partisanen und die Aktivitäten der Domobranci während des Krieges aneinanderreihen würde, alles gut abgeschmeckt mit Reden und Texten von General Rupnik – nach dem Motto: Es waren ja alle Slowenen. Vielleicht wäre alles eher angebracht und akzeptabel, wenn die Verfasserin drei Bücher geschrieben hätte - eines über die Geschichte der Gottscheer, eines über das Geschehen im Jahre 1941 und über alles, was dazu geführt hat, und schließlich eines über die Gottscheer, die im Jahre 1941 daheim geblieben und nicht umgesiedelt sind und über das Erwachen der Reste der deutschsprachigen Minderheit nach 1990. Natürlich hätte sie aber in so einem Fall viel sorgfältiger recherchieren müssen.

 Abschließend noch ein Hinweis: wegen der Veröffentlichung privater Schreiben von Doris Debenjak und August Gril wurde mit einer bis zum rechtskräftigen Urteil geltenden gerichtlichen einstweiligen Verfügung der Verkauf und Vertrieb dieses Buches verboten.

 

Primož Debenjak


 

[1] Was über den Inhalt des Buches der Verlag meint, ist dessen Homepage zu entnehmen, wo unter anderen Neuheiten auch eine Kurzbeschreibung dieses Buches zu finden ist; dort heißt es unter anderem: "Sie gründeten Vereine und weil sie keine eigene gottscheerische oder deutsche Mitgliedschaft haben, zogen sie zur Arbeit Slowenen heran." Es wäre interessant zu erfahren, woher der Verlag solche Informationen hat.

 

[2] Bisher meinten wir, dass die Umsiedlung im Jahre 1941 unseren Verein nicht betrifft, denn unsere Mitgliedschaft kommt ja aus den Reihen der damals nicht umgesiedelten Gottscheer und ihrer Nachkommen. Doch solche Ausführungen zeigen uns recht anschaulich, dass auch wir uns mit dieser Frage in Zukunft etwas näher beschäftigen werden müssen.